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Forschungsinstitut für Musiktheater

Schloss Thurnau

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„Gefühle sind von Haus aus Rebellen“ Musiktheater als Katalysator und Reflexionsagentur für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse

Tagung des Forschungsinstituts für Musiktheater Thurnau der Universität Bayreuth in Kooperation mit der Oper Halle

5.-7. Juli 2019, Oper Halle, Operncafé

Veranstalter: Dominik Frank (fimt), Dr. Ulrike Hartung (fimt), Kornelius Paede (Oper Halle)

Kontakt: rebellen@drama.turgie.de

Vom 5. bis 7. Juli 2019 laden das Forschungsinstitut für Musiktheater Thurnau der Universität Bayreuth und die Oper Halle zu einer dreitätigen Tagung im Operncafé der Oper Halle mit dem Titel „Gefühle sind von Haus aus Rebellen.“ Musiktheater als Katalysator und Reflexionsagentur für gesellschaftliche Entwicklungsprozesse ein. Zugleich ist an diesem Wochenende zum letzten Mal Sebastian Hannaks aufsehenerregende Raumbühne BABYLON zu erleben.

Jetzt zum Nachhören: Welche Relevanz hat Oper heute? Kornelius Paede und Dominik Frank im Gespräch mit Radio Corax

191705_aidaAida von Giuseppe Verdi, Regie: Michael v. zur Mühlen, Bühne/Kostüm: Christoph Ernst, Oper Halle, Spielzeit 2017/18, Fotograf: Falk Wenzel 

Im Zentrum der Tagung, die sich über das Wochenende von Freitag- bis Sonntagabend erstreckt, steht die Oper selbst – als kostspieligste, aufwendigste und gleichsam ideologisch am meisten überfrachtete Form der darstellenden Künste. Sie hat mit immer schwerwiegenderen Legitimationsproblemen zu kämpfen: zu artifiziell, zu lebensfern und vor allem zu teuer. Dieser Krisendiskurs ist keineswegs ein rein ästhetischer, sondern ebenfalls überaus politisch. Gleichzeitig scheint sie gerade wegen ihrer inhärenten Künstlichkeit geeignet zu sein, intellektuelle Distanz zu nehmen und gleichzeitig emotionale Agitation zu betreiben. Ist Oper ein „Kraftwerk der Gefühle“ (Alexander Kluge) – oder werden hier gar unter einem Material- und Aktualitätsparadigma Werke geschunden, um Distinktion zu betreiben?

Die vermeintlichen Schwächen der Oper sind dabei womöglich ihre größten Stärken. Denn das Hybride und Synästhetische der Kunstform führt nicht nur zu institutionsgeschuldeter Behäbigkeit, sondern ermöglicht auch Arbeitsweisen, in denen neue Formen von Prozess und Kollaboration gedacht werden, die sich wiederum in entsprechenden politischen Gehalten reflektieren. Entsprechend sind in altehrwürdigen Häusern vermehrt Laboratorien eines emphatischen Musiktheaters entstanden, die sich weder vor der großen Operngeste noch vor einer tagespolitischen Aktualität scheuen und versuchen, die Relevanz des Mediums mithilfe des aktiven Bespielens von Gefühlshaushalten und durch demokratische Dramaturgien wiederzubeleben.

Ist die Politisierung der Oper die Rettung der Demokratie aus dem Geiste des Absolutismus oder bietet die Gattung durch ihren immanenten Antirealismus Möglichkeiten für eine subversive Kunstpraxis, die aus der Gesellschaft kommt und in sie zurückwirken kann?

Diese Fragen will diese kooperative Tagung von Musiktheaterwissenschaftlern und Theaterpraktikern an einem Opernhaus, also umgeben von eben jener Kunstpraxis und gerahmt von Aufführungen in unterschiedlichen Formaten, diskutieren. In vier inhaltlich fokussierten Panels und ausgehend vom konkreten Fall der Oper Halle, die als ein solches Laboratorium verstanden wird, sollen diverse Positionen und Perspektiven auf den gemeinsamen Gegenstand der Oper - sowohl als ästhetische Praxis als auch als institutionelle Struktur – zusammenkommen, um die vielfältigen, vor allem auch politischen Potenziale der Oper als vitale Form darstellender Kunst zu ergründen, aber auch kritisch zu befragen.

Die Oper Halle als eines der derzeit „aufregendsten Musiktheaterhäuser Deutschlands“ (DIE ZEIT) sowie das Forschungsinstitut für Musiktheater Thurnau, dass sich der Weitung des Musiktheaterbegriffs in Gesellschaft, Politik und „everyday performance“ verschrieben hat, stellen gemeinsam die Frage nach den Möglichkeiten von Oper als Reflexionsagentur der Gesellschaft“ (Alexander Kluge).

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Veranstaltungsort: Oper Halle, Operncafé (Eingang Wendeltreppe, linke Seite des Opernhauses)

Der Eintritt zum Konferenzprogramm im Operncafé ist frei. Um Anmeldung wird gebeten.

Freitag, 05.07.2019

16:30-17:00 Eröffnung Florian Lutz (Intendant Oper Halle), Prof. Dr. Anno Mungen (Institutsleiter fimt), Kornelius Paede (Dramaturg, Oper Halle)

PANEL 1: EMOTION UND IMMERSION

17:00-17:45 Dominik Frank (fimt) und Valerie Kiendl (Julius-Maximilians-Universität Würzburg), „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ - Adorno, Oper, Manipulation

17:45-18:30 Podiumsgespräch „Kulturpolitik – Kultur? Politik? Oper zwischen kultureller Teilhabe und Ökonomien des Ästhetischen” mit Kirsten Haß (Kulturstiftung des Bundes), Sabine Reich (Theater Dortmund ab Spz. 20/21) und Dr. Ulrike Hartung (fimt, Moderation)

18:45-19:10 Stückeinführung Messa da Requiem (Kornelius Paede)

19:30-21:00 Vorstellung Messa da Requiem von Giuseppe Verdi, Inszenierung: Florian Lutz. In der Raumbühne BABYLON von Sebastian Hannak

21:15-22:15 Podiumsgespräch „Untergang genießen - Wirklichkeit erfinden? Oper als Stadtmusiktheater und Musiktheaterstadt.” mit Florian Lutz (Oper Halle), Sebastian Hannak (Bühnenbildner Raumbühne Babylon), Dr. des. Sarah Mauksch (Goethe-Universität Frankfurt) und Kornelius Paede (Oper Halle, Moderation)

Samstag, 06.07.2019

09:30 Begrüßung und szenische Intervention mit dem Performance-Kollektiv „Dürer im Speckmantel“ (Julia Fleiner, Christine Stein, Thomas Rufin) (Universität Bayreuth)

PANEL 2: MAKE OPERA RELEVANT AGAIN!

10:00-11:00 Podiumsgespräch „Kulturpolitische Transferprozesse“ mit Sophie Diesselhorst (nachtkritik), Prof. Dr. Anno Mungen (Leiter fimt), Michael v. zur Mühlen (Chefdramaturg, Oper Halle) und Dr. Jeanne Bindernagel (Theaterwissenschaftlerin, Moderation)

11:00-11:45 Dr. Ulrike Hartung (fimt, Uni Bayreuth): „Gefühle sind von Haus aus Rebellen“: wie sich die Oper durch die Krise kämpft

11:45-12:30 PD Dr. Christiane Plank (LMU München): Transformative Wirkungsweisen im Musiktheater für junges Publikum

13:00-14:30 Mittagspause

PANEL 3: POLITISCHES MUSIKTHEATER – HALLESCHE SCHULE?

14:30-15:15: PD Dr. Birgit Wiens (LMU München): Scenographic Architecture(s). Überlegungen zu Sebastian Hannaks Raumbühnen-Konzeptionen für das Opernhaus Halle

15:15-16:00 Kornelius Paede (Oper Halle): Dokumentarisches Musiktheater. Über die Potenziale eines unterschätzten Genres und Strategien der Authentifizierung im Artifiziellen

16:00-16:45 Dr. Harry Lehmann: Die DeDekonstruktivisten. Zur Ästhetik von Trond Reinholdtsens Ø Trilogie.

17:00 - 18:30 Pause | Treffen der AG Musiktheater der Dramaturgischen Gesellschaft

19:30-21:30 Vorstellung #BIZARR. Ballettspektakel von Michal Sedláček mit dem Ballett Rossa. In der Raumbühne BABYLON von Sebastian Hannak.

ab 19:30 get together im Diebels am Händelhaus, Kleine Marktstr. 3

Sonntag, 7. Juli 2019

PANEL 4: ,ENTKOLONIALISIERUNG’ DER OPER?

11:00-11:45 Fabian Lehmann (Iwalewa-Haus, Universität Bayreuth): Black Orpheus. Oder: Die Geburt der Tragödie aus dem Schoße Afrikas. Christoph Schlingensiefs und Thomas Goerges Erzählung in Festspielhaus Afrika (2009)

12:00-12:45 Dr. Sarah Hegenbart (TU München): Zur Oper in der Sahelzone: “Bintou Wéré: l’Opéra du Sahel” in Mali und “Village-Opéra Afrique” in Burkina Faso als Entwürfe einer dekolonialisierten Opernform

13:00-14:00 Podiumsgespräch “Die Afrikanisierung der Oper? Meyerbeers L’Africaine als Modellversuch” mit Lionel Somé (Regisseur), Philipp Amelungsen (Dramaturg, Oper Halle), Nina Gühlstorff (Regisseurin), Prof. Dr. Patrick Primavesi (Universität Leipzig), Dr. Katrin Stöck (Musik- und Theaterwissenschaftlerin)

14:00-15:15 Pause

15:15-15:45 Stückeinführung L’Africaine (Philipp Amelungsen)

16:00-19:00 Vorstellung L’Africaine IV. NISALB LIÈFO (Verwandlung). Nach der Grand opéra von Giacomo Meyerbeer. Inszenierung: Lionel Somé/Nina Gühlstorff. In der Raumbühne BABYLON von Sebastian Hannak.

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Kontakt

Kornelius Paede | kornelius.paede@buehnen-halle.de | 0345 5110 113

Dr. Ulrike Hartung | ulrike.hartung@uni-bayreuth.de | 09228 99605 22

Dominik Frank | dominik.frank@uni-bayreuth.de | 09228 99605 17

Biografien der Veranstalter

Dr. Ulrike Hartung ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Musiktheater Thurnau (fimt) im DFG-Teilprojekt. Sie promovierte im Graduiertenkolleg „Musik und Performance“ an der Universität Bayreuth mit einer Arbeit zum „Postdramatischen Musiktheater“. Nach ihrem Magister-Studium der Theaterwissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des Musiktheaters, der englischen sowie der neueren deutschen Literaturwissenschaft in Leipzig und Bayreuth war sie u. a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin am fimt und als Lehrbeauftragte, z. B. an der Goethe-Universität Frankfurt, tätig.

Kornelius Paede studierte nach einer kaufmännischen Ausbildung Musikwissenschaft, Germanistik und Musiktheaterdramaturgie in Würzburg und an der Theaterakademie August Everding in München. Im Rahmen seiner Spezialisierung auf zeitgenössisches und politisches Musiktheater forscht und arbeitet er als Dramaturg und Librettist. Seit der Spielzeit 2017/18 ist er Dramaturg an der Oper Halle und arbeitete hier u. a. mit Florian Lutz, Veit Güssow, Michael v. zur Mühlen, Jochen Biganzoli, Tobias Kratzer und Paul-Georg Dittrich zusammen. 2018 war er redaktionell verantwortlich für den bei Theater der Zeit erschienenen Band Raumbühne HETEROTOPIA. Neue Perspektiven im Musiktheater.

Dominik Frank studierte Theaterwissenschaft, Neuere Deutsche Literatur und Philosophie an der LMU München und war während seines Studiums, das er mit Auszeichnung abschloss (Magisterarbeit zur Nacktheit auf der Bühne), Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Nach seinem Abschluss war er zuerst Dramaturgieassistent an den Münchner Kammerspielen und bei den Salzburger Festspielen, danach von 2013-2016 Teil des Forschungsprojektes “Wie man wird was man ist - Die Bayerische Staatsoper 1933-1963”. Seit Dezember 2016 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Musiktheater Thurnau und promoviert dort zum Thema Oper in Diktaturen. Daneben arbeitet Dominik Frank als Regisseur, Theaterpädagoge und Referent an der KZ-Gedenkstätte Dachau.


Verantwortlich für die Redaktion: Jonas Christian Würdinger

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