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Studentischer Exkursionsbericht: Einblicke in die 76. Frühjahrstagung des INMM

26.06.2023

Rauheit als künstlerischer Gestus

Von Mittwoch, 12. April bis Samstag, 15 April 2023 lud das INMM (= Institut für Neue Musik und Musikerziehung) zur 76. Frühjahrstagung in die Akademie für Tonkunst nach Darmstadt ein.

„Unter dem Oberbegriff der Rauheit thematisiert die Tagung einen künstlerischen Gestus, der die Neue Musik von Anbeginn begleitet hat, …“ ist einleitend in der Tagungsbeschreibung zu lesen. Pointiert, jedoch ein in Umfang und Diversität reichhaltiges Programm erwartete uns drei Studentinnen (Wenrui Feng, Lidiia Krier, Cornelia Schmaus), die wir im Rahmen eines Seminars bei Marie-Anne Kohl die Tagung als Exkursion besuchten. Trotz der unterschiedlichen Vorkenntnisse, persönlichen Interessen und individuellen Erwartungen, bot das abwechslungsreiche Programm von wissenschaftlichen Expertenvorträgen aus unterschiedlichen Disziplinen, wie Kunsthistorik, Architektur, Philosophie und Neue Musik, den abendlichen Konzerten sowie dem neuen Format des Hörlabors für jede von uns Anknüpfungspunkte für eine persönliche Interpretation des Topics.

Hier geht es zur Bildstrecke der Tagung.

Cornelia: Mit dem Staatsexamen für Lehramt und der nachfolgenden Arbeit an öffentlichen Schulen, fühlte ich (Cornelia Schmaus) mich, neben meinem wissenschaftlichen Interesse an aktuellen Fragen der musikwissenschaftlichen Forschung im Rahmen meines Masterstudiums Oper und Performance, insofern angesprochen, hier verhandelte Themen auch didaktisch zu beleuchten und als relevant und modifizierbar für den Musikunterricht zu erkennen. Eine besondere Erfahrung war, mit den beiden Komponistinnen Milica Djordjević und Iris ter Schiphorst, deren Werke im Fokus der musikalischen Betrachtung standen, unmittelbar und direkt ins Gespräch kommen zu können.

Wenrui: Wenn man die Zeit als eine Oberfläche versteht, dann sind die vergangenen Ereignisse wie kleine Unebenheiten auf der Fläche. Die Tagung bietet mir als Studierende der Literatur im kulturellen Kontext die Gelegenheit, das Thema “Rauheit” aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Im Vortrag der Kunsthistorikerin Sandra Brutscher wurde “raues Material” u.a. am Beispiel von Francesco Somainis Skulptur deutlich, indem er einen starken Kontrast mit einer goldenen glatten Seite und einer dunklen rauen Seite schuf. Der Architekt Florian Köhl gewährte einen anderen Zugang zum Thema Rauheit. Er präsentierte sein “raues Konzept” als einen ungewöhnlichen Baustil. In diesem Sinne lässt sich “rau” selbst auch als “ungewöhnlich” verstehen, weil es einen aufmerksam macht.
​In der Tagung hatte ich das Gefühl, dass wir gemeinsam die Zeit spüren: Musik wird seit langem von einem von Männern dominierten Stil geglättet. Deswegen ist es an der Zeit, das Gefühl “rau” zu machen und die andere, vorher wenig beachtete Seite (Werke von Komponistinnen) in das Bewusstsein der Zuhörenden zu bringen. 

Lidiia: Besonders spannend, persönlich und didaktisch inspirierend fand ich das neue Format der Tagung, nämlich die beiden Hörlabore, die zwischen den Vortragsblöcken stattfanden. In zwei Sitzungen wurden kleine Stücke für Soloinstrumente analysiert und diskutiert: "Hi Bill" für Klarinette solo von Iris ter Schiphorst und "Nailing Clouds" für Fagott solo von Milica Djordjević. Das Besondere daran war nicht nur die aktive Teilnahme der Komponistinnen, sondern auch der beiden Solisten, Moritz Schneidewendt und Wolfgang Rüdiger, die ihre eigenen Eindrücke gerne in die Diskussion einbrachten. Dieses Format, so lebendig durch Moderator*innen geführt, wäre besonders für diejenigen, die ihre ersten Schritte in Richtung zeitgenössischer Musik machen, von großen Interesse. Die neue Musik wurde nicht als etwas Hochintellektuelles dargestellt, sondern zunächst als Musik behandelt, als eine Klangwelt, die Emotionen, Assoziationen und neue Ideen schaffen kann und mit der man auch spielerisch umgehen kann.

Die Teilnahme an Tagungen und Symposien bietet den Studierenden die Möglichkeit, bereits während des Studiums ein Netzwerk aufzubauen. In der Musikwissenschaft ist ein solches Netzwerk ein essentieller Bestandteil der wissenschaftlichen Forschung. Der Besuch aller Vorträge war für uns äußerst hilfreich, da er eine wertvolle Ergänzung zu unserem theoretischen Studium darstellt. Eine Integration der aktiven Teilnahme an Tagungen wäre wünschenswert. Dies ist besonders bedeutsam, da in anderen Ländern, wie beispielsweise an den Musikhochschulen in Moskau und St. Petersburg, studentische Tagungen einen festen Bestandteil des Studiums darstellen. Mit der Möglichkeit, sich als Studierende um ein Stipendium für den Besuch der Tagung zu bewerben, eröffnet das INMM einen toleranten und offenen Raum für den Austausch von Ideen. 

Wir spüren die Zeit und machen sie rau.

UBT-A