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Grußwort zum Jubiläum von Prof. Dr. Brandstetter

Frau Prof. Dr. Gabriele Brandstetter, Professorin an der Freien Universität Berlin, war ab 1984 Wissenschaftliche Mitarbeiterin des fimt. Zum 40-jährigen Institutsjubiläum verfasste sie ein Grußwort, das in gekürzter Fassung in unsere Jubiläumsbroschüre aufgenommen wurde.
Hier veröffentlichen wir die ungekürzte Fassung.

Impulse für die Tanzforschung

Ein Blick zurück, anlässlich eines Jubiläums von nunmehr 40 Jahren des Bestehens des Forschungsinstituts für Musiktheater auf Schloss Thurnau, ist Anlass, seine Geschichte Revue passieren zu lassen. Vieles ist hier entstanden, das für die Zukunft zu bewahren und weiterhin zu öffnen ist! Aus der Perspektive der Tanzforschung und gegenwärtiger Performance-Diskurse besitzt das fimt eine einzigartige Position. Es ist mir nach meinem langjährigen Einsatz für die Entwicklung einer international sichtbaren und anschlussfähigen Tanzwissenschaft in Deutschland ein Anliegen, die Bedeutung des fimt als einem Ort, von dem Impulse für eine zeitgemäße Forschung zum Tanz ausgingen, hervorzuheben. Hier hatten über die Jahre historische Grundlagenforschung und Archivstudien zu unterschiedlichen Werken, zu Personen und ästhetischen Stilen der Tanzgeschichte eine Basis. Der Grundstein für diese Entwicklung wurde mit der Gründung des fimt gelegt: Damals wurde das Profil des Forschungsinstituts dergestalt konturiert, dass Musiktheater in seiner ganzen Breite erfasst werden sollte: von der frühen Oper bis zum Musical, vom höfischen Fest bis zum zeitgenössischen Tanz. Diese Profilierung wurde durch die Leiter des fimt, Dietrich Mack, Sieghart Döhring und Anno Mungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten präzisiert und sichtbar gemacht; zuletzt durch Anno Mungen noch erweitert zum Musikfilm der 1930er Jahre und bis zu elektronischen und internet-basierten Performances in neuen Medien.

Das 'Impulse-setzen' zeigte und zeigt sich in unterschiedlichen Bereichen der Forschung, und ebenso in der Lehre. Beispielsweise durch wissenschaftshistorische Entscheidungen, die schließlich die Paradigmen und Konventionen in der Disziplin neu schreiben. Ich greife hier einige Beispiele aus dem Bereich Tanz/Performance heraus (andere könnten hier in großer Vielfalt ergänzt werden):

Wissenschaftshistorische Entscheidungen

Als ich 1984 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin ans Schloss Thurnau kam, wurde dort, von Sieghart Döhring und Carl Dahlhaus, den Verantwortlichen für die Herausgabe von Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, eine Entscheidung getroffen, die weitreichende Bedeutung für die Tanzgeschichtsschreibung hatte und die heute aktuelle Erbe-Diskussion mitbestimmt: In diesem Musiktheater-Nachschlagewerk wurden erstmals 'Werke' aus der Geschichte des Balletts und Tanztheaters unter dem Namen der Choreografierenden als 'Autorinnen' oder 'Autoren' aufgenommen, und nicht – wie bisher – unter dem Namen des Komponisten (also etwa: Le Sacre du printemps zugeordnet dem Choreografen, Waslaw Nijinsky). Damit wurde die Tanzgeschichte nicht mehr dem Werk- und Autorenregister der Musikgeschichte untergeordnet. Für die Fachgeschichte ebenso wie für die Interdisziplinarität war dies ein (damals heftig diskutierter) wissenschaftspolitischer und archivkritischer Schritt. Er war und ist für Tanz als Kunstform und als Wissenschaft gleichermaßen bedeutsam – ein Signal für Positionierung, Sichtbarkeit und eine interdisziplinäre Rezeptionsgeschichte von Tanz.

Thurnau hat sich in den 40 Jahren des Bestehens des fimt zu einem Ort der internationalen Begegnungen entwickelt: Wer individuelle Archiv-Forschungen betreiben will in den reichen (und mit vielen Musiktheater-Dokumenten singulären) Sammlungen, die das Schloss beherbergt, schätzt die Ruhe der Arbeitsstätte und die große Fachkenntnis der Mitarbeiter. Jährlich besuchen Forscher aus aller Welt das Archiv und arbeiten zu unterschiedlichen Bereichen des Musiktheaters. Zugleich sind auch in letzter Zeit intensive Forschungskooperationen zu nationalen und internationalen Partner-Institutionen aufgebaut worden. Hier entstehen neue Koordinaten und Kontinuitäten im Kontext mit Projekten wie z. B. dem DFG-Projekt zu „Musik-Stimme-Geschlecht“, mit dem einesteils ein genuin musiktheaterspezifisches Thema (die Gesangs-Stimme) historisch untersucht wird, andernteils diese Archiv-basierten Studien mit aktuellen Diskursen der Geschlechterforschung und der Gender-Theorie korreliert werden. So öffnen die Arbeiten am fimt der Tradition der Musiktheaterwissenschaften neue Wege. Dazu zahlen auch die in den letzten 10 Jahren durchgeführten Arbeiten zu Performance, Medien und – im Schnittfeld der Musiktheater-Aufführungspraxis – zum Thema „Körper“.

Zur internationalen Sichtbarkeit der Forschungen am fimt tragen in den 40 Jahren seit Bestehen Konferenzen und Kongresse bei, die eine große Vielfalt von Themen aufgriffen – und damit manche Fragestellungen in neuer und zukunftsweisender Perspektive behandelten: Dabei variierten die Titel und Themen der Kongresse zwischen fachspezifischen Grundlagenforschungen bis zu theater- und öffentlichkeitspolitischen und kritischen Ein- und Ausblicken in Kontroversen der Szene. Immer aber waren diese Tagungen international und interdisziplinär – und so wurden sie oft zum Impulsgeber für allgemeine kulturwissenschaftliche Debatten. Auch hier wähle ich ein Beispiel aus dem Bereich der Tanzwissenschaft am fimt:

Kongresse

Für die Herausbildung eines Selbstverständnisses und einer Perspektivenvielfalt von Tanzwissen und Tanzwissenschaft besitzen Kongresse eine große Rolle. In meinem Rückblick steht eine große internationale Tagung in Schloss Thurnau am Beginn einer Serie von Kongressen, die zu fachbezogenen und zugleich interdisziplinären Foren wurden: 1986 fand in Thurnau (initiiert von Gunhild Oberzaucher-Schüller) die Tagung Ausdruckstanz statt. Noch vor der politischen Wende begegneten sich hier Wissenschaftlerinnen, Tanzende, Choreografierende und Dramaturginnen aus West und Ost und aus aller Welt, um den aktuellen Stand der Forschung zum Ausdruckstanz und seiner Wirkungsgeschichte zu diskutieren. Die Tagung nahm sich als Modell für die Vielfalt der Themen und die Spannbreite zwischen Theorie und Praxis jene legendäre Serie der drei großen Ausdruckstanz-Kongresse Ende der 1920er Jahre, die damals die Relevanz des Ausdruckstanzes und ebenso seiner internen Richtungskämpfe repräsentierte (ein Folgekongress zur Tagung in Thurnau fand 1988 in Essen statt). 1986 in Thurnau waren große Namen von Tänzerinnen aus der Geschichte des Ausdruckstanzes und von internationalen Forscherinnen versammelt. 20 Jahre später gab es gewissermassen ein Reenactment dieser Thurnauer Tagung, dieses Mal in sehr viel größeren Dimensionen, mit breiterem institutionellem und finanziellem Fundament: 2006 fand in Berlin der erste einer Reihe von Tanzkongressen statt, veranstaltet von der Kulturstiftung des Bundes, im Rahmen eines Programms, das als Tanzplan Deutschland gezielt der Förderung von Tanz, Tanzkultur und Tanzwissen(schaft) gewidmet war.[1] Es folgten weitere Kongresse, 2009 in Hamburg, 2013 in Düsseldorf und 2016 in Hannover. Es sind Plattformen internationaler Wissenschaftsdebatten. Die erste 'Drehscheibe' dieser Bewegung und internationalen Kooperationen war in Thurnau!

Dass die Impulse aus dieser 40-jährigen Geschichte von Konferenzen auf Schloss Thurnau – ein Ort, der auch durch seine Atmosphäre die Forschungsbegegnungen inspiriert – weiterwirken, verdankt sich den Publikationen, die daraus hervorgegangen sind. Die Reihe der „Thurnauer Schriften zum Musiktheater“ hat mittlerweile die stolze Zahl von 33 Publikationen erreicht. Dabei hat sich die Vielfalt der Themen stetig erweitert. Und in den letzten 10 Jahren sind auch Dissertationen in die Serie aufgenommen worden. Auch die Perspektiven auf Tanz haben sich verändert und erweitert, wie z. B. der Band Nr. 22, hervorgegangen aus einer Tagung im Jahr 2009, zeigt: „Tanz im Musiktheater – Tanz als Musiktheater“ (herausgegeben von Thomas Betzwieser, Anno Mungen, Andreas Münzmay und Stephanie Schroedter).

Der Rückblick in die Geschichte des fimt macht deutlich: Impulse sind möglich und zukunftsträchtig, wenn sie eine Kultur der Meinungsvielfalt und der Pluralität der Forschungsperspektiven anstoßen. Eben dies ist – in Weiterführung und Öffnung der Geschichte des fimt – in den letzten zehn Jahren unter Leitung von Anno Mungen geschehen. Dass der Brückenschlag zwischen Archiv und Neuen Medien auch in Zukunft Impulse geben, aktuelle Forschung anstoßen und auch für die Tanzwissenschaft Innovatives bereithalten möge, ist dem fimt zu wünschen! Und ebenso die institutionelle und öffentliche Unterstützung, die für mutige und zukunftsweisende Kultur-Projekte heute nötiger ist denn je.

[1]           Gehm, Sabine; Husemann, Pirkko; von Wilcke, Katharina (Hrsg.) (2007). Wissen in Bewegung : Perspektiven der künstlerischen und wissenschaftlichen Forschung im Tanz. Bielefeld: transcript.


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